valentin hauri

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AGNES RICHTER

 

Ich sehe ein, dass es für mich kein anderes Glück im Leben geben kann, als nur das, welches aus der Arbeit
fliesst .....

 

Bin gar nicht zufrieden mit Gestern
Mit dem, was ich gestern getan
Bin rechtzeitig gekommen
Hab die Pillen genommen
Wie‘s mir aufgetragen war
Habe mich auch um die Pflanzen gekümmert
Im Korridor nicht zurückgeschaut
Obwohl nun alles recht gemacht
Gab es kein Stück Kuchen

 

‚Jetzt ist angerichtet‘
‚Jetzt will ich essen‘
‚Das wollen wir erst mal sehen!‘
Warum frisst die Agnes nicht aus der Hafertonne?
‚Na, weil ich mich nicht so tief hinunterbiegen kann!‘
‚Ich will dir schon helfen....‘
‚Ich will dich schon hinunterbiegen, Agnes, wenn‘s von selber nicht geht‘
‚Reiss mir doch lieber gleich den Kopf ab!‘

 

Bin aber jetzt gar nicht zufrieden
Sitze hier aufrecht und schweige
Wie Gott es mir auferlegt
Doch die Arbeit geht nicht von der Hand
Die Nadel sticht mich
Es klagen mir Stimmen im Ohr
Es knackst und scheppert und die Stimmen sind fort
sie flüstern von einem anderen Ort
Sie sprechen nicht, sie verachten mich,
Agnes, in grausamer Weise

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‚Holzklotz!‘
‚Na, da hast du was...‘
‚Agnes, komm, versuch‘s mal damit!‘
‚Nein, nein ... von mir bekommst du nichts. Das steht so fest, wie die alte Föhre vor dem Haus‘

Kratzen - Stottern - Scheppern - Knacksen
Ein Wort das kommt und geht und immer dasselbe ist:
GEORG
‚Georg‘ sagen sie
Georg musste in den Krieg
Schon vor vielen Wochen
Und obwohl er‘s mir hoch und heilig versprach
Hat er nicht geschrieben. Keine Zeile
Georg könnte sehr wohl schreiben
Denn er ist Dichter
Schreibt in der Apotheke die schönsten Rezepte.
Gestochen.
Georg schreibt auch Briefe
Ich weiss, er schreibt sehr viel
Aber nicht an mich
Agnes, die Aermste, wird vergessen
Von der Post, ja - auch von der Post!
Agnes lebt von nichts und ihr ist angst und sie muss sticken
Sticken, sticken, sticken
Und bringt doch nichts fertig
Es ist ihr soviel Arbeit
Und sie macht alles recht

 

‚Wie ist das Gold so ganz dunkel ....‘
‚Das feine Gold so hässlich geworden ...‘
‚Wie liegen die Edelsteine an allen Strassenecken zerstreut!‘
‚Ich glaube, jetzt bist du ganz verrückt!‘
‚Bei Sinnen bist du gewiss nicht , Agnes, wenn du solche Narrenpossen ausheckst‘
‚Was du heute geleistet hast, ist nicht grad was Besonderes!‘
‚Nun wirst du bald gereinigt und gesäubert werden. Für‘s Ewige Leben.‘

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Da kommt er schon von selbst
Perönlich kommt er, der Richtige kommt
Das ist rührend, nur
Hat es auch diesmal keinen Erfolg
Dann schickt er auch noch seinen Neffen, natürlich
Mit dem gleichen Resultat - Negativ!
Habe in der Mitte
Zu tiefe Stiche gemacht
Sodass nun alles so pelzig geworden
Mir alles zum Leidensweg geraten
Mein Heimgarten im Gebirge verpelzt und verraten
Von ungenau gesetztem Stich
So wird ihr alles noch verderben
Wenn sie nicht besser aufpassen kann!

 

‚Agnes, schau, der Faden macht schon, was er will!‘

‚Nun bald sollst Du wieder gesund werden, Agnes. Von der Löwenmilch.‘

‚Komm, wir gehen schon hinein...‘
‚Wir sehen doch das Licht, da muss es doch warm sein.‘
‚Da müssen doch Leute sein.‘

 

Mach schon immer alles richtig
Wird doch immer alles falsch und krumm
Der Faden ist schuld, der mir nicht gehorcht
Das Licht ist schon da, mein Zimmer schon warm
Die Leute aber zeigen mir Fratzen und scharfe Zähne:

‚Stickerin! - Nichtskönnerin! - Gespenst! - Lügnerin! - Unfähige ohne Lebensglück! - Klatschbase! -
Da ist Agnes, schlagt sie nieder, fresst sie auf!‘

 

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Ich hatte ein Haus, vor langer Zeit
Doch der Weg durch den oberen Korridor
War schwer zu gehen
Ich hatte ein Heim vor vielen Jahren
Es wurde mir genommen, vom Feuer zerstört
Ich hatte einen wohlklingenden Namen, einst
Wurde aber entehrt und verstossen
Betrogen und eingesperrt
Ja -
Und die Verfahrenskosten musste ich selbst tragen!

 

‚Und wie geht es ihrer Frau Mutter, Fräulein Richter?‘

‚Ach, ich glaube grade, sie ist in Ohnmacht gefallen, man muss nach ihr sehen...‘

‚Nun will sie uns auch noch verbrennen!‘

 

Der Erwählte muss kommen!
Der Papst muss hierher nach Heidelberg reisen!
Georg muss schreiben!
Ein Gedicht will ich hören!

Es ist ja nicht weit, das Krankenhaus
Ich darf ja fort, ich habe gefragt
Ich darf gehen - mit Erlaubnis
Bestimmt müsste Georg
Georg müsste vielleicht
Wenn er käme, an der Pforte etwas Schriftliches vorweisen

 

‚Die früher süsse Speisen assen
verschmachten jetzt auf der Strasse‘

‚Die früher auf Purpur getragen worden
liegen jetzt im Schmutz‘
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‚Die kleinen Kinder verlangen nach Brot
aber es ist keiner mehr da, der es ihnen bricht‘

 

Käme er nur herein
Mit einem Blumenbouquet
Und seinem breiten, frohen Lachen
Der Zehnfach - Hundertfach
Mit seiner freundlichen Gestalt
Doch hinter ihm da steht schon
Der Dämon der Finsternis bereit
Uns beide mit Verderben auszufüllen
Unsere Liebe zu verlöschen
Einer Kerze gleich ...

 

‚Bin ich hässlich?‘
‚Bin ich von Angesicht grau und hässlich?‘
‚Du meinst, meine Schwester sei schön, aber bin ich nicht auch schön, auf meine Art schön, vielleicht sogar
zehnmal schöner?‘
‚Aber das ist ja lächerlich, Fräulein Richter, ja, das ist mehr als lächerlich.‘
‚Das ist ja schon albern‘

‚Geh hinaus, Agnes, bring deinem Vater einen Schluck Bier!‘

 

Vor mir erschien eine Persönlichkeit
Deren erhabene Heiligkeit
Nur dem vor Augen tritt
Der sich nicht den Blick verstellte
Durch tausend kleinliche Bilder
Himmelsgedanken stiegen in mir auf
Als ich ihn erstmals sah
Und meine Augen haben vor Freude geleuchtet
Als ich ihn erstmals sah
Gebt nur Liebe, Liebe allein!

 

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Könnte nur einer mit meinen Augen sehn
Mit meinen Ohren hören
Er würde verstehen, dass ich mich verbergen muss
Wenn mir unwillkommne Gedanken erscheinen
Lumpengestalten aus dem Erdenloch da unten
Elende, die das Missfallen jedes wahren Gläubigen erregen!

 

‚Ja, ja, Agnes, versuch‘s doch mal selbst‘
‚Ob du den Weg zurück noch findest?‘

‚Ins Himmelreich will ich, ins Paradies!

‚Arbeite, Agnes, sticke ... und merk Dir eins: Ordnungssinn bringt Gewinn‘
‚Sprechen Sie mir nach, Fräulein Richter,
Ordnungssinn bringt Gewinn!‘

 

Ich weiss schon, wer alle Dichter frisst
Der Krieg!
Der grosse Krieg der Kaiserarmee
Auf seinem gotteslästerlichen Schlachtfeld
Frisst er die Menschen weg
Und vermutlich auch Georg
Man hat ihn fortgeholt, direkt aus der Apotheke hinaus!
Aus dem Schreibzimmer, wo er die Rezepte kopiert.

Auch Allah‘s Lieblingsesel, den Herrn Mutz
Hat der Krieg gefressen
Und er wird auch Georg nicht mehr hergeben
Denn dieser Mordwurm hat immer Hunger
Keiner kann ihn zähmen!

 

‚Agnes, das war ein schwesterlicher Freundschaftsdienst von Dir, dass Du mich ins Wasser geworfen hast
...‘

‚Das ist schön von Dir, Agnes, dass Du mir das erzählst ...‘
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‚Ich bin gleich auf Grund gesunken, wie ein Stein ... Da erblickte ich einen uniformierten Soldaten ...
Wie er auf mich zukommt, sehe ich ... Mit einem Bouquet aus Feldblumen ... Wie er mich anschaut ...
Und wie er dann seinen Blick niedersenkt ...‘

Obwohl ich doch alles richtig tat
Wie es mir aufgetragen wurde
Wird doch mein Elend nicht kleiner
Georg bleibt so lang von der Apotheke fort
Seine Gesundheit ist so unbeständig
Schriftsteller sind so feine Seelen
Ganz feine Seele
Gestochene Schrift
Mit einer goldenen Nadel gestochen
So, wie der silberne Faden funkelt
Es ist so viel Arbeit
Ich mache es recht
Doch vielleicht nicht recht genug
Nicht zur Zufriedenheit von Doktor Walder
Er kommt nur noch selten hinein
Sagt nicht mehr ‚Fräulein Richter‘
Mit einem kleinen, scherzhaften Knicks
Er weist mich zurück
Auch wenn ich gleich in Ohnmacht fallen möchte ...

 

‚Sie haben doch, was Sie brauchen, Fräulein Richter‘

‚Klage nicht, Agnes!‘

‚Möchten Sie vielleicht die Fortsetzung von den Bärenjägern hören, Fräulein Richter, wir lieben doch
unseren Karl May so sehr!‘

‚Oder besser noch: Ich erzähle Ihnen ... Wie es der Vagabund geschafft hat ... die Sonne ins Haus
hinein zu bringen ... Indem er nämlich mit der Axt ... Drei grosse Fensteröffnungen aus der Wand
herausgeschlagen hat ... Sodass die Sonnenstrahlen hineindringen konnten ... Das muss nämlich von
den Zimmerleuten, welche das Haus erstellt hatten, vergessen worden sein ...‘

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..... ich weiss, dass es für mich kein anderes Glück im Leben geben kann, als das, welches aus der Arbeit
fliesst .....

..... ich stecke meinen Mund in den Sand, denn es gibt vielleicht noch Hoffnung .....

..... aber wahrscheinlich schlafe ich bald ein .....

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Eigensinn, Valentin Hauri, August 2005