ELSE BLANKENHORN
Wenn es so weit ist, werde ich einen Rosenkranz um den Hals legen.
Ich werde entschlossen die Glocke läuten, obwohl diese nur bei Lebensgefahr betätigt werden darf. Ich
werde ja bald aufgeboten werden, denn ich habe mich massiv beschwert.
Ich habe geschrieben, dass ich um Aufklärung bitte.
Soll denn wirklich alles, mein gesamtes Werk geschändet und enthüllt werden?
Nein!
Nein, soweit wird es nicht kommen.
‚Sauvez moi, Cavalier de Nuit!‘
Ich halte meine Sachen nur unter Verschluss weil ich ja weiss, dass sie hier gering geschätzt werden.
Meine Bilder hat ja kaum jemand gesehen, ich zeige ja nicht her, wenn nicht ein höhres Interesse es
notwendig erscheinen lässt.
Den Applaus fühle ich nicht. Ich will damit sagen: Wenn keiner kommt, vermisse ich ihn nicht, ich will
doch nicht ‚beklatscht‘ werden!
In dieser Frage trete ich den Ansichten gewisser Fachpersonen aufs Entschiedenste entgegen.
Meine Bildnisse sind niemals starr, meine Schriften niemals unverständlich.
Vielmehr sind es Allegorien, drastische Allegorien, ja, aber mit Bedacht gesetzt und tief empfunden und -
wie mir kürzlich Herr Ernst Kirchner versicherte, von tadelloser Technik. Ueberhaupt ist ja alles von Amtes
wegen, also von allerhöchster Stelle beglaubigt. Mit Reichsadler und Siegel für ‚Else von Hohenzollern‘.
Man erwartet hier zum Beispiel von mir, dass ich aus einer Flasche ein Flüssigkeit zu mir nehme. Doch
habe ich gelesen, wie die Flasche beschriftet ist, nämlich mit: ‚Terpentinöl innerlich.Gegen Rheuma und
Gliederschmerzen‘ - Oder man denkt vielleicht, ich würde diesen üblen Geruch nach Staubflocken und
fauligem Abwaschwasser nicht wahrnehmen!
2
Es ist ja nicht so, dass ich mich verweigern will. Ich gebe ja schon Auskünfte, Ich will ja Freude auf die
Erde bringen. Ich kann erklären, dass all die zarten Engelswesen, die auf meinen Banknoten erscheinen,
kein Geschlecht haben. Das ist bei Engeln immer so. Bei Engeln sind die Beine zusammengewachsen und
das ist bestimmt so eingerichtet, damit nichts passieren kann!
Ich weiss genau, dass es Dinge gibt, die vor mir verborgen werden, zweifellos. Man verweigert mir zum
Beispiel die Einsicht in gewisse Papiere oder Schriftsachen meine Herkunft betreffend. Dieses oder jenes
Zimmer ist mir verschlossen.
Aber ich habe ja nun geschrieben und gefordert, dass diese Vorgänge untersucht werden. Es muss gerecht
zugehen und mit rechten Dingen.
Das ist mir wichtig, man soll einen Respekt für sich einfordern.
Ich muss mich ja auch vergewissern, ich muss mich absichern.
Ich muss verhindern, dass alle Sachen, die mir so lieb sind, verschwinden und mir weggenommen werden.
Man versucht mit ganz unterschiedlichen Mitteln, den Weg zu mir zuzuschütten, sodass ich nicht mehr
zugänglich sein werde. Die Anna Hafner, die Hafnerin und mein lieber Gatte sollen mir entrissen werden.
Ich werde hier systematisch isoliert. Mundtot gemacht.
Ich habe eine lange Fahrt hinter mir. Eine traurige Fahrt, eine anstrengende Reise. Ich habe schon früh,
schon seit früher Kindheit gewusst, dass in mir etwas Grosses wächst und unheimlich aus mir heraus
brechen will.
Die Zeichen dieses Ausbruchs wrden ja auch mir immer deutlicher.
3
Nun ist es geschen. Meine Gegenwart ist nun ausgefüllt von diesem gewaltigen Ereignis. Es ist natürlich
auch eine Befürchtung da, dies alles wieder zu verlieren. Es heisst nicht, dass der grosse Geist dauernd in
unserem Körper bleibt, er kann auch vertrieben werden.
Wenn zum Beispiel versucht wird, sein Geheimnis zu ergründen, wenn die Steine zu hastig umgedreht
werden, da wird es dem Geist unwohl und er löst sich auf.....
ACH!
Dass vielleicht eines dieser dreisten Federviecher komme und einen Diamanten aus dem Dreck heraus
picken würde....
Sie lauern mir auf, sie bedrängen mich mit ihrem Gekratze und Gegacker......
Die Hühner sind gefährliche, heimtückische Tiere. Es ist mir klar, was man beabsichtigt, wenn man sie unter
meinem Fenster hier herumstreunen lässt.
‚Cavalier, sauvez - moi!‘
Jedermann versichert mir hier, dass überhaupt nichts geschen sei. Alles ruhig, kein Anlass, an der Tür zu
horchen oder unters Bett zu kriechen, wie ein Aschenputtel herumzulaufen mit Asche an den Füssen oder
den Herrn Doktor Binswanger einen Essigpomadenkünstler zu nennen.
Es ist auch nichts zu beklagen.
Jedes Dingelchen in seinem stillen Haus.
Vielleicht war ja nur ein kleiner Floh in der Schublade!
Ich nehme meine ganze Geduld zusammen, um ruhig zu bleiben, aber niemand lobt mich für meine
Beherrschung!
‚Jesus Christus, mach Dein Kind gesund!‘
Ich bin heute Morgen durstig erwacht, Mein Traum hat gar nicht enden wollen.
Ich liege mitten im Zimmer mit gespreizten Beinen und warte auf die Geburt des Kindes ...
4
Es ist still im Haus....
Doch da sind auch Geräusche .....
Ich kann mich einfach nicht heruntersenken in meine Arbeit.
Hier sind meine Gedanken. Das ist meine Korrespondenz. Das sind meine musikalischen Studienblätter.
ABER VOR MEINEM FENSTER IST DIESES VERDAMMTE MOEHRENKOT-GEGACKER DIESER
TEUFLISCHEN BRUT!
DAS GRADONESSISCHE SCHARREN!
DAS VERWISSERTE SCHABEN!
DAS ROHBORNISCHE KRATZEN!
DIE DREIFALTIGE SOLDATISCHE EINFALT!
‚Na, die sind sich wohl das Arbeiten nicht gewohnt!‘
..... dabei bin ich Seele und möchte dichten und zeichnen ..... letzte Nacht war ich so so versunken in
ein Gemälde ..... ein schwarzer Teich, düster, die Traurigkeit der beflaggten Tannenbäume, das dunkle
Tuch ..... so erhaben war der Empfang des Nachtreiters zur Dämmerstunde.
In seinen Schatten hinein male ich in tiefem Blau den Teich ..... das Blau ist auch im Gesicht des
Reiters ..... er hat unter Folter leiden müssen und Schlimmste Schmerzen ertragen, auch in der Seele
..... dies gibt seinem Antlitz den blauen Schimmer aller Nachthimmel ..... und blau ist auch das Band
des Ordens ‚Saint - Esprit‘, den er um die Brust trägt.
Man wird verstehen, dass ich mit all dem hier nichts mehr zu tun haben will, ich will dass die Briefe meines
geliebten Wilhelm durch das Zimmer auf mich zufliegen. Ich will mit meinem Werk nur Gutes tun. Nur
Gutes.
Gutes für die Lebenden und Gutes für die Toten.
Auch Christus half ja anderen und konnte sich selbst nicht helfen.....
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Vor einigen Tagen kam ein junger Maler aus Berlin ins ‚Bellevue‘ und ich habe mich mit ihm gleich sehr
gut verstanden. Ernst Kirchner heisst der bleiche Mensch und er sei auf dem Felde zusammengebrochen -
während einer Kriegshandlung. Er hatte eine Schwäche, eine ‚Nervenkrise‘ nennt das Herr Dr.
Binswanger, von der er sich hier erholen müsse.
Er malt nicht.
Ich sah ihn in ein kleines Album schreiben, das er aber gleich wegsteckt, wenn man sich nähert. Er ist in
einen dicken Mantel mit Fellkragen gehüllt, obwohl es gar nicht kalt ist.
Meine Arbeiten, das wenige, was ich zu zeigen bereit war, hat er aufs Aeusserte gelobt - und mit so
geistreichen, sachkundigen Kommentaren begleitet..
‚Im Land, wo Milch und Honig fliesst - sitzt ein Hund im Paradies‘
Wenn ich dereinst Kaiserin bin, kann ich möglichweise verzeihen.
Ich besitze ja Banknoten, deren Summen ins Unermessliche gehen.
Quadropulonen von Reichsmark!
Seidupolonen .....
Centupulonen von Reichsmark!
Ich werde meinen dannzumaligen Gatten - Kaiser Wilhelm - ersuchen, mit diesem Vermögen die
Auferstehung der Toten zu finanzieren.
Dies empfinde ich als meine edelste und grösste Aufgabe auf Erden!
Auch unser Herr Jesus Christus half ja anderen und konnte sich selbst nicht helfen .....
Wenn ich dereinst Kaiserin bin, werde ich sämliches Federvieh .....
..... sämliches Federvieh, welches mit diesen lächerlich dürren, unbeholfenen, blutleeren, stacksigen
Kratzfüssen so unerträgliche Geräusche hervorbringt, zusammentreiben lassen und fortsperren lassen auf
alle Ewigkeit ..... in den verhexten Garten einer Berg-Einsiedelei in Catalonien.
6
Wenn ich von diesem Platz aus dem Fenster blicke, erkenne ich den Teich, wo sich bei aufkommender
Dämmerung die geheimnisvolle Beflaggung ereignet, der Nachtreiter auf seinem kastrierten Hengst aus
den Bäumen erscheint. Das Gesicht verborgen. In weites Wollgewebe gehüllt.
..... einmal blühet dann dunkel und still
..... auch auf meinem Weg ein Blümelein
..... ein Vergissmeinnicht
..... das will ich Dir dann schenken
..... dieser Tag wird dann in purpurnen Wellen ertrinken
..... am Himmel die schwarze Wolke
..... unsere Wolke, ich male sie grün
..... sodass grüner Schimmer über den Veilchen schwebt
..... schön andachtsvoll und froh
..... wie aus Gottes Mund
Frau Blankenhorn malt fast wie ein Mann!
Es ist ja nicht nur das Scharren in der Erde, diese Ziellosigkeit, die darin liegt, es ist auch ein hysterisches, in
seiner Art doch planmässiges, geradezu wohlüberlegtes an- und abschwellendes Gackern. Und diese
boshaften, unerbittlichen Wiederholungen ein- und desselben Geräuschs.
Doch lassen Sie mich das noch sagen vom Nachtreiter:
Dass er nämlich vom Herrn Kommerzialrat Professor Blankenhorn, ja richtig, ‚Von Hohenzollern‘, vom
Vater der Künstlerin, welcher hauptsächlich in Karlsruhe amtiert, abgesandt wurde, um im ‚Bellevue‘ in
Kreuzlingen zu erscheinen und nach dem Rechten zu sehen.
Nun wird sich bald alles ändern.
7
‚Ich sah das Leben, grau in grau - ich fand darin die schwarze Frau‘
Jemand muss fort.
Jemand, den ich liebe.
Meine Hinaufhebung beginnt exakt mit dem Tod von jemandem, der mir nahe steht.
Diesen Inhalt hat die Depesche, die mein Vater mir überbringen liess.
Das ist es, was mir der Nachtreiter bestellen muss.
Meine Erhebung erfordert ein Opfer.
Hören Sie?
Es ist so still hier drin.
Aber ich höre dennoch Stimmen ....
Menschliche Stimmen .....
Eine Frauenstimme, ja ..... und ein Kind
Ah, ja, dann auch das Eselsgemecker von Doktor Binswanger.
Man stellt sich wohl endlich an, das Federvieh einzutun .....
Ja, man besichtigt natürlich auch den schönen Garten .....
Auch die Sträucher und Zierbäumchen müssen doch nach Herrn Doktor Binswangers Beispiel und
Vorstellung gedeihen .....
Ich habe durch das Geäst hindurch in ein reines Antlitz geschaut, aber ich bin ihm nicht gefolgt.
Ich habe ja andere Aufgaben.
Ich muss die Nacht durcharbeiten.
Schreiben, Malen, Empfangen und Geben ..... Darstellen.
Ich muss meine Träume aushalten.
Ich muss korrespondieren,
die Morgenröte ist ja hier in Kreuzlingen immer grau und schmutzig.
Wir wollen singen:
..... einmal wird es dann still in der Welt
..... und die Luft wird klar
..... dann ist kein Mensch und kein Tier mehr zu hören
..... es rauscht nicht mehr in den Bäumen
..... einmal macht Jesus Christus sein Kind gesund
..... endlich, im Traum.
8
Wenn ich heute einen Haarknoten mache und mir den Aoyama - Mantel um die Schultern lege, der meinen
Körper vollends verhüllt, dann nur um der Bitte Nachdruck zu geben, ein weiteres Mal mit Herrn Kirchner
speisen zu dürfen.
‚Lasst mir doch diesen bleichen Künstler noch ein paar Tage da!‘
‚Es ist mir so tröstlich, ihn sprechen zu hören, ihn anzusehn!‘
Wenn er sich an mich wendet ..... Sein Blick macht mir Mut ..... Ein guter Mensch ..... leider
so hinfällig, so zittrig ..... Doch sieht man gleich den klaren Geist ..... Und den starken Willen .....
Und lasst mir doch auch das Fenster noch etwas offen stehen .....
Ich geniesse es, wenn das Federvieh fort ist ..... besonders diese Gattung hier, die weder beten noch
arbeiten will .....
Aber siehe ..... Ihr himmlischer Vater ernähret sie doch!
Heute Abend werde ich ja erwartet in der Kaiserlichen Salongesellschaft.
Der Empfang der Rosenkaiserin.
Der Roman der rosa Perle aus Indien, die sich ein fragiles Netz bauen liess für ihren verletzlichen,
makellosen Körper .....
Ich muss also heute nicht hinunter zu den miserablen Tropfsteinzapfen der Nervenklinik.
Ich bin heute anders disponiert!
Sie sehen doch: Ich blute!
Eigensinn, Valentin Hauri, August 2005
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