FORREST BESS
Mein Name ist Forrest.
Mein Vater Arnold Bess - meine Mutter Minta Lee.
Wir stammen aus Bay City, Texas. Mein Vater war Oelarbeiter, also wir sind von einem Camp zum
nächsten gezogen.
Wir waren immer alle drei zusammen hier, Texas und Oklahoma.
Später, als mein Vater auf die Fischerei umgestellt hatte, kamen wir nach Chinquapin, Matagorda Bay.
Da bin geblieben bis heute.
Ich bin ‚straight‘, gradeaus, Texaner.
Hab nie daran gedacht, woanders zu leben.
Minta hatte diese Reime zu jeder Gelegenheit. Wenn wir also mal platt waren, traurig, zornig, ausgebrannt,
wie auch immer, da hat sie uns auf den nächsten Stuhl gesetzt und uns solche Sachen vorgesungen wie
Aikendrum, Aikendrum
There was a Man
And he came from the Moon
and they called him Aikendrum
Das Schlimmste von allem ist dieser Wirbel. Die metaphysische Bewegung, der Hurrican, wenn du willst
..... aber eigentlich sind die Sachen jetzt wieder auf der richtigen Spur.
Auf meiner Seite.
Noch dieses Jahr werden in New York meine Bilder ausgestellt. In Betty Parsons Galerie. Sie will sogar
ein paar Sachen nach Europa schicken, zusammen mit Clifford Still, Pollok, Rothko, Barnett Newman.
Europa liegt ja total am Boden jetzt ..... Unsere Visionen brauchen die, grosszügiges Denken,
amerikanischen Lebensstil .....
Betty Parsons ist ein wirklich grossartiger Mensch. Unheimlich belesen, und in der Kunst wirklich der
Wahrheit auf der Spur.
Sie endlich zu sprechen, ihr gegenüberzusitzen, das ist eine Wohltat, nach all dem was ich mir drüben im
Bay City Hotel anhören muss.
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Ich weiss ja, es ist für viele Leute schwer zu begreifen, doch über all diesen Dingen, die hinter meinen
geschlossenen Augenlidern verborgen sind, steht mein innigster, alles umfassender Traum:
Die Ueberwindung des menschlichen Leids in der Vereinigung der Geschlechter. Wahrheit, Abstraktion
..... eine neue , unbekannte Sprache.
...und das Gebet wird seine Götter finden
Die Leiber der Beiden werden verschmolzen
In eine Gestalt die Zweie geschlossen
Wie wenn man Zweige gepfropft unter eine Rinde
Und sieht zusammen sie wachsen und weiter gemeinsam spriessen
So sind die Körper der beiden vereint
Zwei sind sie nicht mehr, eine Zwiegestalt doch .....
.... keines von beiden und beides zugleich .....
Kürzlich habe ich in einem Brief Professor Carl Gustav Jung von meinen Träumen geschrieben, auch
davon, dass es meine feste Ueberzeugung ist, alles menschliche Leid durch meine Ideogramme beenden zu
können, dass meine Bilder die Schlüssel zu diesen Pforten enthalten und dass eine physikalische
Transformation des männlichen und des weiblichen Körpers in einer androgynen Einheit den Tod
überwinden wird.
Die Gründe dafür?
Ich habe sie schon oft genannt und werde sie gleich wieder gefunden haben ..... nur ..... im
Augenblick bin ich etwas erregt.
Ich versuche, mich zu beruhigen.
Es gibt eine Schwäche in mir, weisst du. Mein Wille ist nicht immer stark genug, um diesen ordnungslosen
Film meiner inneren Bilder aufzuzeichnen.
Ich forme ein Bild, es dringt zu mir durch oder es bleibt unerreichbar. Unzugänglich. Nach seinem
Erscheinen hört das Bild auf, wird null und nichtig, hört einfach auf.
Das ist oft kaum auszuhalten.
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Gestern bin ich noch spät mit Jim auf dem Boot rausgefahren, bis zum Felsen rüber, zur Insel auf der
Küstenlinie. Zur Dämmerung kann man dort manchmal ein paar Waschbären sehen ..... Etwas Glück
muss man schon haben.
Wir können sie mit den Händen füttern, haben wir schon oft gemacht.
Es gibt Dutzende von Waschbären da.
Wenn ich nach Matagorda will, komme ich hier vorbei, ich muss über die Küstenlinie. Ab und zu fahre ich
zur Siedlung rüber, denn ich bin ja jetzt allein hier mit meiner Köder - Fischerei ... Wie Peter Grimes, der
Grübler. Ich hole meine Sachen, Lebensmittel und was ich sonst so brauche, in Matagorda mit dem Boot.
Uebrigens, mein Hausdach, das sind ja Austernschalen, sieht man nicht grad oft, auch hier unten nicht.
Es gibt ein Badezimmer hier, eine Werkstatt und einen Raum, der für alles andere ist. Da sitze ich - meist
allein - oder mit Jim.
Oder mit einem Jungen, den ich aus der Siedlung mitbringe für eine Nacht oder zwei, drei Tage. Das kommt
ganz selten vor.
Wir sitzen dann vor meiner Hütte mit nem Drink und schauen aufs hohe Schilfgras am Ufer. Es ist still, die
meisten Geräusche, die zu hören sind, kommen aus dem Wasser.
Dieses kleine Haus hier wurde auch schon mal weggefegt vom Wirbelsturm ..... `
Der Hurrican Carla ist hier durchgerast, um 1940 rum ..... aber ich hab alles wieder aufgebaut.
Ich mag es, allein zu sein.
Wenn du allein bist hier draussen, kannst du die Dinge aus dem Meer rauswachsen sehen, majestätisch
und geräuschlos.
Also ..... mit meinen Bildern ist es so .....
..... Wenn du zum Beispiel ein Tier kontrollieren oder dominieren willst, ist es ratsam, den direkten
Blickkontakt mit ihm zu vermeiden. Du sollst nicht ins Herz seiner Augen schauen. Ob das jetzt ein Tiger
ist oder sonst was Schreckliches, eine Schlange vielleicht.
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..... Könnte auch ein Bediensteter sein, ein Sklave .....
In seine Augen schauen, heisst, den Kanal in deine eigenen Augen zu öfnnen und dann ist das gegenseitig
..... Sie sehen dich, wie du wirklich, in deinem Innersten, bist ..... ängstlich und verwundbar .....
Du gibst Dich also preis vor ihnen und das ist gefährlich ..... das kann gefährlich sein .....
..... uns so ist es eben mit den Bildern auch. Wenn sie dich mal erfassen, können sie dir deine Masken
vom Gesicht reissen, bevor du es noch merkst ..... Und dann wird die dunkle Unterseite deiner
Existenz enthüllt .... allein durch die Malerei.
In der Malerei, weisst du, ist Feinheit, Stille, Tiefe, Verletzlichkeit.
Dunkle Zweige ragen aus dem Neuschnee ..... meterhoher, blendend weisser Neuschnee .....
dunkle Zweige.
Klar, das Geld für meinen Trip nach New York hab ich bestimmt nicht mit meiner verdammten Fischerei
verdient. Nein, Jack hat mir ausgeholfen, wie schon oft.
Er hat mir ja auch diese Show im Bay City Hotel verschafft. Dort hab ich natürlich nur die akademischen
Sachen ausgestellt, was sich halt verkaufen lässt hier, was den Leuten am schnellsten einleuchtet.
Hier unten mögen sie das, was sie schon kennen.
Ich hab nicht wenig verkauft ..... wirklich nicht schlecht .....
Meine ‚Augenlider - Paintings‘ , mit solchen Sachen kannst du hier nicht kommen ..... das wird hier
nicht verstanden. Das ist sogar schon verspottet worden, ach ja, darüber lachen sie hier nur.
Der Texaner ist ja im Grunde ein pragmatischer Typ.
Nicht besonders feinfühlig für die Kunst.
Frau Parsons hingegen hat meine visionären Bilder so lange stumm betrachtet, dass ich schon gar nicht
mehr wusste, wohin mit den Händen. Sie hat von ‚Ursprünglichkeit‘ gesprochen, von ‚optische
Erinnerungen an archaische Erfahrungen‘ ..... ‚Die Verbindung zur Natur‘ .....
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Ich habe wirklich meinen Kragen durchgeschwitzt in ihrem Office in New York City ..... Ich muss ja
dauernd entscheiden, in jeder Sekunde wieder neu entscheiden, wer spricht .....
Nummer eins - vernünftig, männlich, draufgängerisch
Nummer zwei - weich, künstlerisch, schwach .....
Ich weiss ganz genau, worauf es ankommt im Leben.
Also unabänderlich, ich bin überzeugt.
Ich kann mit meinen Paintings alles erreichen .....
Ich führe Hermes und Aphrodite zusammen zu einem ganzen Werk .....
Ich verbinde den Menschen mit Gott .....
Ich verwandle mich selbst in meinen Bildern .....
Ich bin auf der unbegreiflichen Milchstrasse der Befreiung .....
Ich versinke in der Malerei und sehe sie doch von aussen .....
Wie ein aufs Aeusserste gespannter Bogen
ziele ich auf den höchsten Punkt
und erreiche diesen
durch die Malerei
Dann trete ich durch das Kristalltor in die höhere Welt .....
Jack und Naomi haben ihr Haus verkauft.
Sie werden bald wegziehen aus der Bucht.
Dann bin ich noch der Letzte hier, der nach kleinen Ködern fischt.
Der letzte Zuhörer beim Froschkonzert von Chinquapin .....
Jack geht runter nach Robstown, Corpus Christi Bay, für einen Job bei den Rohrverlegungen.
Endlich eine richtige Arbeit.
Da lässt sich das Haus hier nicht mehr halten, sagt Jack, und das versteh ich auch.
Die beiden haben mir immer ausgeholfen mit Geld oder was man sonst so braucht. Ich habe ihnen auch ab
und zu ein Bild verkauft ..... Sogar das blaue Skizzenbuch, das Naomi so gern mag .....
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Ich sage immer zu ihnen:
‚Später könnt ihr die Sachen verkaufen, wenn ihr wollt, dann sind sie vielleicht was wert ..... Aber
nicht zu meinen Lebzeiten ..... That‘s just the Way it is with great Artists ..... Wenn ich es erlebe,
kaufe ich alles zurück!‘
Was ich male, sehe ich im Traum, ganz dicht unter den Augenlidern.
Wenn ich erwache, verschwindet es sofort.
Ich kann eine Zeichnung machen, wenn es schnell genug geht.
Die Empfindung ist das Entscheidende.
Jim erzählt mir seine Träume und ich male sie für ihn.
Das ist was Schönes, und ich brauche nichts dazu zu sagen.
Texas jump - Texas jump
One - Two - Three
Under the Water, under the Sea
Catching Fishes for my Tea
Mit Jim im Boot. Mit den Schatten.
In seiner offenen Hand sehe ich beim Mondlicht die Linien ganz scharf.
Die Lebenslinien seiner Hand.
Die offene Hand von Jim Scarbrough ..... mir kommen fast die Tränen ..... brennend in der Nacht
..... sanft und zart in den ersten Stunden des Morgens ..... An den irdischen Horizont gekettet .....
Bereit zu einer Tat.
In seiner Hand liegt ein Messer.
‚Wir sind Monde ..... Meisterwerke, die von ihren Sockeln steigen, um von den Blicken der Menschen
verschlungen zu werden .....‘
Alles, was ich jemals gemalt habe oder jemals malen werde ist schon seit Beginn in mir angelegt.
Jedes beschreibende Wort trübt den Kristall des reinen Bildes und bricht sein Leuchten.
Es ist reine, unschuldig aufgefasste Farbe.
Es ist eine urspünglicher Kraft.
Die Farbe hingebettet, ausgebreitet auf der Leinwand.
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Sie muss unbedingt in diesem ersten Wurf liegen bleiben.
Das Bild muss allein sein können im Moment der Zwiesprache.
Bereit für die innerste Berührung.
Erst nach der Niederschrift kommt der Abend, der schon ans Hinüberdämmern, ans Vergessen denkt.
Dann der Schlaf.
Die Farbe, die wenigen Flecken auf dem Bild, das wird bleiben.
Noch in der Bewegung ist es nicht mehr zu fassen.
Nicht mehr zu erreichen.
Nicht mehr zu verhindern!
Meinen Gemälden kann nichts geschehen.
Betty Parsons erklärt sie für unverwundbar.
..... unverwundbar .....
..... Wie der Tod - Auf seinem fahlen Gaul ..... Am Meeresufer entlang galoppiert ..... Mit
hohlen Augen ..... Am orangefarbenen Himmel der silberne Streifen ..... Die schwarze, drohende
Klippe ..... Das vergilbte, das verbrannte Gras ..... Mein Lieblingsbild ..... gemalt von Albert
Pinkham Ryder, dem genialsten amerikanischen Maler.
Wir besitzen beide die Gabe der Introspektion.
Ich bin zwar nur ein ziemlich typischer texanischer Knirpsfischer, aber ich sehe Dinge, die anderen
verborgen sind, verstehst du?
Also gestern in diesem Boot habe ich Jim verraten, dass ich den Versuch bald machen will.
Ich habe mich endlich entschlossen.
Inzwischen weiss ich genug, um über die Schwelle zu treten.
Ich habe studiert, gelesen, beobachtet.
Ich habe viel nachgedacht und endlich die unumgänglichen Schlüsse gezogen.
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Ich kann nicht sagen, ob es gelingt .....
Jim schaut mich nur an.
Doch wie er schaut ..... Jim Scarbrough ..... glaubst Du mir etwa nicht ..... hälst auch Du mich
für einen alten Narren ..... Willst auch Du mich auslachen, Jim?
Er lächelt nur verlegen und sagt ganz leise, mit weggedrehtem Kopf:
‚Ich sehe ein dünnes Eichhörnchen
Und ein dickes Eichhörnchen
Und ich höre sie zusammen singen.‘
‚Eigensinn‘, Valentin Hauri, August 2005
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