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JEAN MAR
I
..... wer mich anschaut, sieht den Sohn eines Fischers, der sich, um der Enge und dem üblen Geruch
seines belgischen Dorfes zu entfliehen, nach Paris begeben hat, auch in der Hoffnung, dort einen
Lehrmeister im Handwerk des Zeichnens zu finden ..... ein Nachbar, ein Freund hat ihm dazu geraten,
das Dorf zu verlassen ..... den Fischer Marcellin, bei dem er aufgewachsen war, allein zu lassen mit
seiner brotlosen Schinderei ..... was er dann aber in der Hauptstadt fand, war nicht die feine Kunst,
von der er geträumt hatte, sondern ein Mädchen, das ihm Unglück brachte, oder besser, hat er sich selbst
soweit gebracht, aber jenes Mädchen hat ihn in eine üble Geschichte hineingezogen, aus der er zu
entkommen versuchte, als es schon zu spät war ..... ich habe nichts begriffen, bis es zu meiner
Verhaftung kam, zu endlosen Befragungen und schliesslich zur Einlieferung in diese Klinik, aus der ich
wohl niemals entlassen werde ..... ich wurde während der Verhöre mehrfach ins Gesicht geschlagen
..... eine solche Geschichte verbirgt sich hinter den drei Buchstaben ‚M A R‘ eines Namens, ein
Bruchstück auf dem Blatt einer Krankengeschichte ..... doch es gibt einige Rötelzeichnungen, die
davon zeugen, dass er zeichnen konnte, oder doch zumindest, dass er, Jean Mar, der verschlossene
Künstler, existiert hat .....
II
..... keiner kann dorthin zurück, von wo er losgelaufen ist, es gibt dieses Zurückkehren nicht, auch nicht
für mich ..... denn ich bin ja endlich fortgekommen, bin ausgeflogen aus meinem Nest und das ist jetzt
nicht mehr da, das hat der Wind weggepustet, das ist jetzt eine Sperrzone, vielleicht verseucht wie der
Sumpfweiher Mariapreis oder erkaltet, ohne Liebe .... man würde mich ausstossen, ich würde von
jenem Mädchen zu Erklärungen genötigt, wohin es gehe und wie es gewesen sei oder wie ich mir die
Zukunft vorstellen würde ..... nach dem, was geschehn war ... ich würde gedrängt bis an die
äusserste Klippe, bis von einer Umkehr die Rede sein würde, dass es an diesem bestimmten Punkt eine
Umkehr, eine Rückwendung geben müsste .....
mit all diesen Nebenbedeutungen zwischen den Sätzen und Dingen und diesen gewöhnlichen oder auch
ungewöhnlichen Gedanken, diesen Ränkespielen ..... sodass das Mädchen am Ende sowieso nichts
mehr glauben würde von dem, was ich erzähle .....
2
..... einer wie ich, der ja schon dort, wo er herkam und hingehörte, fortgelaufen war, wo er der Sohn
des Weinhändlers Marconi gewesen war, der mit dem Zweispänner zur Schule hinauf gefahren wurde
..... der hat es sogar geschafft, sich so dumm und exzentrisch anzustellen, dass schliesslich das ganze
Dorf über ihn lachte und dass das Mädchen schliesslich sagte, sie hätte das von ihm schon immer gedacht,
dass er nämlich ein verwöhnter Pinkel sei, verfaulter Spross des Neureichen, der glaube, mit Geld könne
man alles .....
III
..... hier, in diesem Haus, darf man sich nicht aufgeben, darf man nicht wehrlos sein, aber auch keine
Luftsprünge machen ..... man hat aufzustehen, man muss wissen, dass man aufgestanden ist .....
sich anziehen, dreimal rufen; blablabla ..... links, rechts, Freude und Eingebung spüren ..... ein
Dutzend mal ‚Ich bin ein Mann‘ sagen mit Heiterkeit, Gesicht aufwärts gerichtet, nicht gesenkt, dabei
Mitesser zählen auf der Handfläche ..... Vokalübungen machen, 10 Finger plus 10 Mal im linken
Mundwinkel pfeiffen ..... ‚Eau de Portugal‘ auf die linke Schläfe, die Seife rechts fassen, Zahnbürste
links ..... Mundtuch, Metallkamm, Haar, so viel Haar, Griff an den Gürtel, nicht übergreifen, erst links
dann rechts ..... drei Stunden am Tisch sitzen und ins Buch schreiben ..... Frauen sehen!, vor allem
vormittags - ist gut ..... Licht in einer Spalte, Dunkles immer unten sehen ..... Suppe schweigend
essen, übers Essen blasen ..... Wasser trinken, Salat mit den Fingern, Sonne schauen .....
womöglich durch Telegraphendrähte hindurch ..... verschiedene Dinge ausmalen ..... nach dem
Abendessen - Zukunftsideen - Gottesgedanken ..... Bett nördlich, Kopf östlich, Schwanz nicht
berühren ..... Rechnen, keine Sterne, linke Hand seitlich des Körpers ..... Tagesende, nicht wehrlos
sein ..... Nachtende, nicht wehrlos sein ..... Morgendstunde, nicht wehrlos sein ..... hat Gold im
Munde ..... nicht aufgeben, Jean Mar, zeichnen, zeichnen, zeichnen ..... nicht übergreifen,
wiederhole Deinen Namen ..... ‚Wie heisst Du?‘ ..... ‚Wie heisst Deine Mutter? .....
3
IV
..... der Sprechende, der jetzt von sich sagt, dass er beobachtet wird, er fühlt sich beobachtet, er ist
überzeugt, dass ihn jetzt, in diesem Moment
ein grünes Auge anblickt ..... durch ein Loch in der Wand, in dieser Zimmerwand ..... ein grünes
Katzenauge, nicht gross, weder gross noch klein, körperlos mehr, kristallartig ..... was kann unter
diesen Bedingungen Freude und Glück noch bedeuten ..... sie sagen vom schlechten
Assistententisch herüber ‚Aber du suchst doch danach, du musst doch wissen, wonach du suchst!‘ .....
ich bin doch aber im Suchen so ungeschickt und werde doch gleich jähzornig und erhebe die Hand und
werde dann bestraft und verkrieche mich unter den Tisch, während die anderen essen ..... ich bin
wieder so im Elend und suche Stille und Schutz, das ist es, was ich suche, unter dem Tisch oder unter dem
Bett, Stille und Frieden und Schutz und ich will nicht mehr atmen, will auch nichts mehr sehen .....
inzwischen scheint hier sowieso jeder mein Geheimnis zu kennen, denn vom schlechten Assistententisch
grölen sie ‚Marius, Marius!‘ zu mir herüber, weil ich bei einer Küchenarbeit kürzlich sagte, dass es hier eine
Drecksarbeit sei, mit der sich Marius nicht die Finger schmutzig machen würde ..... sie lachen mich aus,
machen Alligatorenaugen und zeigen mir den vom Alkohol feuchten Finger, dem ich als Künstler ja
fernzubleiben habe ..... dem Schnaps, der Narkose ..... holen sie Marius unter dem Tisch hervor,
ziehen ihn hoch und fragen: ‚Willst du nicht was mit uns trinken, Marius?‘ .....
..... dann kann ich hier nur sagen, dass sich meine Hand manchmal dagegen sträubt, all diesen Schmutz
niederzuschreiben ..... dass sich meine Hand erholen kann beim Ausmalen einiger Dinge, beim Entwurf
einer gleichmässigen Fachwerkmauer auf einem reinen, weissen Blatt Papier ..... das ist wie das dichte
Gefieder des weissen Schwans ..... das ist wie der sanfte Hals meines Mädchens .....
4
V
..... sollen die Töne hervorgehoben sein, schreibt man einen Akzent darüber ..... das Metronom gibt
dir den Takt, Jean Mar ..... dein Name ist ein Bauwerk, ein Geschenk, an dem dich der Schöpfer
erkennt, wenn du zurück kommst, eine Fügung aus Buchstaben, nicht mehr lesbar, nicht mehr erkennbar
als dein eigener Name ..... drei Buchstaben bleiben, um dein Leben zu beschreiben ..... eine
Serenade, ein Menuett und ein Trauermarsch, drei Buchstaben nur ..... dann gibt es die rote Sonne, die
alles sichtbar macht und deine zeichnende Hand, die blutrote Farbe ‚Sanguin‘, wie reife Melonen, die
schwarzen Linien, Federn, Augen, schwarzes Geländer zum Meer hinaus, schwarzer Sumpf, schwarzes
Wildtier, schwarzer Himmel ..... dazwischen die rote Zeichnung als Strom oder Schallgeschwindigkeit
..... eines nach dem anderen aufs Blatt setzen, Jean ..... Marchand ..... Ach! das war mein Vetter,
Marchand, der nach Amsterdam ging mit zwölf fetten Schafen und vier Tonnen Bier und das alles gegen
Tulpen tauschte .....
VI
..... jeder, der zur Welt kommt, genau wie Du und ich, bekommt ein Gesicht ..... Nase, Augen, Mund
und alles, kriegt einen Namen ..... das kann in aller Eile geschehen, im hintersten Loch meinetwegen,
bei Viehgestank, Fliegerangriff, in jämmerlichster Zeit ..... alles, was man dann tunlichst ein Leben lang
verschweigt ..... dies soll vorhanden sein: Nase, Ohren, Augen, alles ..... und der Name natürlich,
gehört dazu, das ist ja für die Leute von so immenser Wichtigkeit, wie dieser heisst, der neue Bürgermeister
..... oder jener, der in einer Ecke still vor sich hin flennt ..... wie hiess sie noch, die schöne junge
Dame, die ihren hässlichen Alten vergiftet hat ..... an einer feuchten Stelle im Sumpfweiher von
Mariapreis fanden sie einen Haufen zerschmetterter Knochen, im finsterkalten Weiher, im süssen Weiher
zuhinterst im Tal, dort liegt er und wartet auf all die Ausgestossenen und Vertriebenen ..... die
Namenlosen, die ihren Namen vergessen oder verkauft haben ..... jedenfalls zu billig verkauft .....
5
..... aber es war in den schlechtesten Zeiten der Folterung, in denen Martin, der Dichter mit den
stahlblauen Augen und dem schwarzen Kraushaar, seinen Namen verspielte, damit zwar sein Leben rettete,
sich aber verwandeln musste in ein skurriles Mischwesen mit dem Leib einer Ziege und dem Schwanz
einer Schlange .... dessen letzter Ruf noch gewesen sei ‚Lawine, willst Du in Deinem Sturz, mich mit
Dir nehmen!‘ ..... einer sagte mir, dass ein Sohn die alte Wunde seines Vaters an derselben Stelle an
seinem eigenen Körper spürt ..... immer wieder ..... das ist wie eine Tätowierung, das ist eine tief
eingekerbte Schrift, da werden keine Namen mehr genannt .....
..... in dem Augenblick, als ich hinfalle, denke ich noch, dass nun alles gut gegangen sei, aber schon höre
ich sie die Fragen .....
‚Wie heisst Du‘ .....
‚Wie heisst Dein Vater‘ .....
VII
.... Mar - na - ni ..... ist das ein Name, Marnani? ..... das ist ein mystischer Klang ..... ehemals
war es die Bezeichnung für das Vogelnest, welches der chinesische Maler Shitao mit schwarzer Tinte auf
eine Pergamentrolle zeichnete ..... von links fliegt ein Vogel auf das Nest zu, dann, wenn man das Bild
dreht, fliegt der Vogel in die andere Richtung davon ..... Mar - na - ni sagt damit, dass der Glückliche
überleben wird oder dass die Tiere auch Gott anrufen in seiner Herrlichkeit, um zu überleben, um das
Glück im Flug zu finden ..... wie Salim, dessen Leidenschaft das Eiersammeln ist ..... und der im
Alter von 12 Jahren gerade beim Eiersammeln seine romantische Liebe erblickt, die sich Themina nennt
..... der Name bedeutet so etwas wie ‚Der Mensch ist für die Arbeit bestimmt, der Vogel aber für das
Fliegen‘ ..... acht Vögel in sieben Tagen, also muss wohl einer heruntergefallen sein ..... Salim
heiratet seine Themina und ist bis zu ihrem Tod einundzwanzig Jahre glücklich verheiratet ..... dann
war diese Geschichte mit der seltsamen Vogelspiegelung ..... dass Salim nämlich zwei Vögel der
gleichen Gattung sah ..... dass ein Vogel plötzlich einen anderen Vogel der selben Gattung erblickte,
sein Spiegelbild ..... und wie er darüber so erschrocken war ..... dass damit eine Lebensrettung
gemeint und Mar - na - ni als Medium dieses Uebergangs bestimmt gewesen sei, schon zu Beginn der
Geschichte ..... dass es dafür keine Zeugen gebe .....
6
VIII
..... etwas werde ich noch verhindern ..... etwas muss Jean Mar unbedingt noch verhindern .....
nämlich, dass Doktor Phillips meinem Mädchen ein Unrecht antut, in dem er es würgt, nur weil es ein
Stück Kuchen nicht hinunterschlucken kann ..... dass dieses Schwein meinem Mädchen an die Gurgel
geht ..... wir waren verabredet, unten, am Meer, bei den blauen Wolkenschiffchen, wo ich vor meiner
Arrestierung die Silbe ‚Mar‘ an die blaue Himmelswölbung gemalt hatte, haben wir ‚Sockel und
Luftkerze‘ gespielt und ..... ja, wir sagten ‚In Anbetung des Abstands‘ und sie lachte so herzlich dabei
..... dann war dieses Taschentuch, diese unglückselige Stufe auf der Himmelstreppe ..... ah, man
nennt sie erst noch ‚Himmelstreppe‘! ..... und so muss mein Mädchen gestürzt sein ..... sie, als ihr
Hals immer dicker wurde, kam sie zu diesem Doktor Phillips ..... der sie dann bedrängt habe, wie sie
sagt und sie müsse wieder hin, aber sie wolle nicht wieder hin ..... der kann doch nicht einfach über sie
verfügen, dieser Molch ..... kann sie doch nicht einfach so bestellen ..... das muss ich noch
verhindern, da darf meinem Mädchen kein Unrecht geschehen ..... ‚In Anbetung des Abstands‘ .....
..... dies alles, Jean Mar, hast du dargestellt in einer grünen Kugel ..... der Täter beugt sich herab auf
sein Opfer, langsam mit wallendem, blutroten Gewand ..... du erkennst plötzlich ..... siehst ganz
klar, dass es tatsächlich völlig richtig war ..... dass du nur eine Fensterscheibe azuhauchen brauchst
..... um auf den Fjord hinaus zu sehen.
Eigensinn, Valentin Hauri, August 2005
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