valentin hauri

english <> deutsch
 
 
 
 
spacer
 
 'Many Minutes, Many Hours, Many Days', 2008

'Many Minutes, Many Hours, Many Days ....', 2008
Oel auf Leinwand
100 x 90 cm


Von Gegenständlichem und Abstraktem

Das Oszillieren zwischen Gegenständlichem und Ungegenständlichem gehört zentral zur Kunst von Valentin Hauri (* 1954 in Baden, lebt in Zürich). Das Gemälde "Many minutes, many hours, many days" baut sich aus drei Farbflächen – Orange, Grün und Blau – auf, die von drei kleineren schwarzen Feldern überlagert werden. Die Assoziation einer Landschaft drängt sich auf, wenngleich die Sicherheit fehlt, dass es sich wirklich um eine solche handelt. Gegen diese Lesart spricht der Aufbau des Bildes, die Art, wie die Farbflächen zueinander stehen. Denn das, was am weitesten vorne stehen sollte – die orange Form – wurde als erstes gemalt und wird von den grünen und hellblauen Flächen umflossen. Ebenso sperren sich die drei schwarzen Balken, erinnernd an eine sich austarierende Waage, gegen eine allzu eindeutige Interpretation als Landschaftsgemälde, und auch vom Titel kann der Betrachter keine Hilfe erwarten. Was also ist dargestellt, was will Hauri mit diesem Bild vermitteln?

Valentin Hauri hat sich für seine Arbeit einige prinzipielle Regeln auferlegt, die er bei jedem Werk einhält: Er benutzt fünf verschiedene Bildformate, die immer im Verhältnis 10 : 9 stehen und grundiert seine Leinwände so, dass eine wenig saugende, glatte Oberfläche entsteht, auf die er direkt und spontan mit Ölfarbe malt, wobei jedes Bild in einem einzigen Arbeitsgang entsteht und er keine Korrekturen vornimmt. Was als strenges Korsett erscheint, gibt dem Künstler letztlich eine Freiheit, sich einzig auf das Finden des Bildes zu konzentrieren. Nach seinen Worten kann ein Bild nicht hergestellt, sondern nur gefunden werden. Als Initialzündung für seine Arbeiten stehen häufig Werke anderer Künstler, die Valentin Hauri aufgrund der Komposition, des Titels oder eines einfachen Details interessieren. Im Fall von "Many minutes, many hours, many days" handelt es sich um "Die Kreuztragung Christi" von Pieter Brueghel d.Ä. von 1564. Der Künstler kennt von diesem Altmeistergemälde jedoch nur eine Postkarte mit einem Ausschnitt, auf dem prominent ein Felsen mit einer Windmühle in den Himmel ragt. Hauri übernahm diesen sowie die Topografie der Landschaft im Vordergrund als Schema seiner Komposition. Das Bild hat den Künstler wegen dieses charakteristischen Felsens interessiert und weniger aus inhaltlichen Überlegungen.

Das Zusammentreffen von Absichtslosem und Absichtsvollem ist ein wichtiges Element in den Arbeiten von Hauri. Aus einfachen Grundformen zusammengesetzt, offenbart das Gemälde bei längerer Betrachtung eine Komplexität, die den Betrachter fesselt und gleichzeitig verwirrt. Die verschiedenen Farbflächen sind sehr unterschiedlich gemalt: Dem Aufstrebenden des Felsens entspricht die vertikale Pinselführung. Das Grün der Ebene ist mit breitem Pinselstrich dynamisch und mit unterschiedlicher Dichte gemalt, um so eine Raumtiefe entstehen zu lassen. Der Himmel weist ein wässriges Hellblau auf, das durch die horizontale Ausrichtung Ruhe vermittelt. Über allem stehen pastos und lastend die drei schwarzen Balken, die durch eine feingliedrige Konstruktion verbunden sind. Zusammen mit dem Titel, einem Zitat aus einer Erzählung von Edgar Allan Poe, deutet das Bild auf etwas immer Wiederkehrendes im menschlichen Dasein. Die Balance suchen, das Einpendeln ebenso wie die Abhängigkeit von Gesetzmässigkeiten, die nicht beeinflussbar sind, aber auch Halt verleihen können, prägen letztlich dieses Werk.

Daniela Hardmeier, Zürich