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Heidelberger Skizzen - Valentin Hauri und die Sammlung Prinzhorn

Werke des historischen Fundus verführten den Züricher Valentin Hauri (* 1954) zu einer intensiven Annäherung. Seit Jahren erkundete er malend und zeichnend Bilder und Textilien der Heidelberger Sammlung. Die Ausstellung vermittelt deshalb einen faszinierenden subjektiven Gang durch deren Klassiker.

Schon zu Zeiten von Hans Prinzhorn (1886-1933) waren Künstler fasziniert von den unkonventionellen Anstaltswerken, die ein weit gestreuter Aufruf des Kunsthistorikers und Psychiaters 1919-1921 in Heidelberg zusammenbrachte. Sie bewunderten Intuition und Schöpferkraft und ließen sich anregen. Ernst Ludwig Kirchner gehört ebenso dazu wie Alfred Kubin, Oskar Schlemmer, Max Ernst und Richard Lindner. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Heidelberger Sammlung gerade auch von Malern und Zeichnern (etwa Jean Dubuffet, Georg Baselitz und Arnulf Rainer) neu entdeckt, nicht zuletzt über Prinzhorns Buch „Bildnerei der Geisteskranken“ (1922). Die Zahl der künstlerischen Reaktionen wuchs, seit Wanderausstellungen den eigenwilligen Fundus international bekannt machten. Seit Eröffnen eines eigenen Museums auf dem Gelände des Heidelberger Altklinikums 2001 nutzen Künstler gerne die Möglichkeit, sich intensiv auf die Originale vor Ort einzulassen. Einige dieser „Antworten“, darunter musikalische Kompositionen, wurden seit 2003 in Kabinettausstellungen und Konzerten vorgestellt.

Die meisten Künstler sind bislang von dem Einzelwerk oder der Werkgruppe eines Anstaltsinsassen ausgegangen. Valentin Hauri, der erstmals 1998 in Paris auf einen Werkkatalog mit Abbildungen aus der Sammlung traf, näherte sich über die Jahre einer Vielzahl von Bildern, Zeichnungen und Textilien. Was reizte den konzeptuellen Maler, der stets seine „Malerei mit einem Blick von aussen ordnen“ möchte, an dieser Begegnung? Was führte ihn zu der langjährigen Liaison mit autodidaktischer Kunst, die auch Außenseiter wie Henri Darger und Forrest Bess einschloss? Er selbst hebt hervor, es sei das „’Ungelernte', das anderen als den gesetzten, akademischen Linien folgt, das 'Rohe’, ‚Ungeformte'“, was ihn anziehe. Das klingt zunächst wie der Enthusiasmus der Expressionisten für das Unmittelbare, Authentische, ‚Echte’ an der Anstaltskunst. Doch Hauri denkt an einen anderen Gegensatz:, den zur „raffinierten, schönen Geste“. In den Werken der Sammlung Prinzhorn findet er demgegenüber den „Rückzug, die Askese, das Verletzliche, Fehlerhafte.“ Es ist also das Verweigern und das Scheitern, was ihn berührt, jegliche Art von Bruch in einem Gelingen, durch den sich eine Lücke auf die prekäre Existenz des Menschen öffnet. Und dies versucht er dann in seiner Malerei aufzunehmen.

Hauri lässt sich meist vom Gesamteindruck eines Bildwerks beeindrucken. Viele der Vorlagen sind gegenständlich, doch treibt ihn auch die geometrische Kreidezeichnung einer Internierten zu zahlreichen Varianten. Dabei sind die Bildfindungen des Zürichers stets ungegenständlich. Der Künstler geht bei seinen Reaktionen auf die Werke, die ihn faszinieren, jeweils von der Gesamtkomposition und von den charakteristischen Formkonstellationen aus. Auf deren Grundlage entwickelt er in einem „meist kurzen, aber intensiven Malprozess“ Abstraktionen aus differenziert aufgetragenen Flächen und distinkten Konfigurationen von Pinselstrichen, wobei er sich nur ungefähr an Komposition, Figuration und Farbe seiner ‚Vorlage’ orientiert. Die Ergebnisse nehmen stets durch eine hohe malerische und zeichnerische Kultur ein.

Als Ausgangspunkt fungieren Postkarten oder Abbildungen aus Publikationen der Sammlung Prinzhorn; lange Zeit hat Hauri kein Werk des Heidelberger Fundus im Original gekannt. Fotos vermitteln nur bedingt einen Eindruck vom Format, von den Farben und der Struktur der Werke. Gelegentlich handelt es sich sogar um Detailansichten, wie etwa vom Mittelteil des Jäckchens von Agnes Richter. Diese Einschränkungen bedeuten für den Künstler allerdings zugleich eine Befreiung. Er kann sich leichter auf das rein Bildhafte der anregenden Werke konzentrieren und fühlt sich auch freier in der Wahl des Formats, das er gewöhnlich seinem persönlichen Standard im Verhältnis 10:9 angleicht.

Die entstehenden Bilder (Öle, Aquarelle, Bleistiftzeichnungen und Druckgraphiken) sind nicht als bloße Form- und Farbspiele misszuverstehen. Hauri arbeitet mit den Mitteln seiner Malerei wesentliche gestalterische und inhaltliche Züge der Vorlagenwerke heraus. Bei August Natterers Felsen und Wunderhirten etwa beschäftigt ihn das Schweben einer bedeutsamen Form, ähnlich bei dem Bild „… durch die Luft gehen“ von Josef Forster. Bei der Umsetzung der Szenen mit Beeinflussungsmaschinen von Jakob Mohr geht es ihm um die Konstellation in den Raum ausstrahlender Objekte; Entladung von Energie thematisiert er in der Bearbeitung von Oskar Herzbergs „Planentenzusammenstoß“. An der „Hand“ von Friedrich Bertholt interessiert Hauri der Einschluss einer warmfarbigen Fläche mit verästeltem Lineament in zweifache dunkle Höhlung, an einem Ausschnitt des Taschentuchs von „Miss G.“ das geradezu Naturwüchsige dieser überladenen Stickarbeit im Kontrast zu den vorgegebenen roten Einfassungslinien.

Die Ausstellung blickt gewissermaßen durch die Künstlerpersönlichkeit Valentin Hauris auf viele bekannte und weniger bekannte Werke der Sammlung Prinzhorn. Dabei wird nicht nur klar, wie stark die Auseinandersetzung mit der historischen Anstaltskunst den Schweizer in seinem Schaffen inspiriert hat. Wir sehen mit ihm auch die Teile des Heidelberger Bestandes aufregend neu.

Thomas Roeske