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Im Moment
Der Kunst sind in der Moderne konzeptuell keine Grenzen mehr gesetzt. Jede Ausdrucksform kann als zeitgenössisches Kunstwerk in Erscheinung treten, nicht jede findet allerdings Zustimmung und Anerkennung. Schon die historischen Avantgarden schaffen in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts diesen Spielraum und wissen ihn für ihre Werke, in Manifestationen und Gesten sowie in atemberaubenden Ausstellungen auch zu nutzen. Die Kunstgeschichtsschreibung begleitet, dokumentiert und analysiert diese Entwicklung. Mit einem erweiterten Kunstbegriff wird versucht, die sich neu entwickelnden Kunstformen sprachlich zu erfassen und zu verstehen. Da innerhalb dieses Prozesses neue Medien für die Kunst entdeckt werden, steht immer auch die Relevanz der Malerei für die zeitgenössische Kunst zur Diskussion. Jede Generation verabschiedet die Malerei als Disziplin von neuem in die Geschichte. Jene Künstler, die an der Malerei festhalten, zeigen mit derselben Überzeugung, dass das gemalte Bild durchaus mit den künstlerischen Entwicklungen Schritt zu halten vermag. Die Malerei bleibt von der Erweiterung des Kunstbegriffs nicht unberührt. Nicht nur dies, auch die Wahrnehmungsformen von Kunst verändern sich. Produktion und Rezeption entwickeln sich in wechselseitiger Abhängigkeit. Es werden nicht nur neue Kunstformen geschaffen, auch das Sehen verändert sich.
Mein in den letzten Jahren durch das intensive Studium konzeptueller Kunst geprägtes Auge erkennt in Valentin Hauris Malerei bestimmte Qualitäten, die mir zuvor verborgen bleiben. Sie sind das Ergebnis der Entstehungsbedingungen dieser Gemälde, die der Künstler bis in Einzelheiten festlegt und in den bildnerischen Prozess bewusst miteinbezieht. 1994, nach der Rückkehr von einem längeren Aufenthalt in London, kommt es zu einer Veränderung seiner Auffassung des künstlerischen Prozesses, die bis in sein gegenwärtiges Schaffen bestimmend bleibt. Im Frühwerk steht die Malerei selbst im Zentrum, die intensiv und lustvoll betrieben wird. Valentin Hauri hat damals meistens mehrere Gemälde gleichzeitig in Arbeit. Die Bildauffassung ist barock. Es gibt keine bestimmte Bildvorstellung. Die Bildformate werden nicht im voraus festgelegt, sondern können von Bild zu Bild wechseln. Das malerische Handwerk und die Kultur der Malerei sind für sein damaliges Malereiverständnis und seine Praxis entscheidend. Ich erinnere mich an eine Ausstellung mit Hinterglasmalerei, die ich 1985 für ihn ausrichten darf. Es ist eine meiner ersten Ausstellungen. Später verliere ich seine Malerei etwas aus dem Auge, nur noch sporadisch sehe ich Beispiele seiner Kunst. Die neuerliche Begegnung ist überraschend, angenehm und überzeugend. In den neunziger Jahren entwickelt Hauri ein für sein Schaffen neues Verfahren der Bildherstellung. Die technische Fertigkeit bleibt ein zentrales Element des bildnerischen Prozesses, der nun aber nicht mehr als ein zeitlich nach vorne offener Arbeitsprozess des Schichtens von Farbe verstanden, sondern als ein Bildfindungsprozess definiert wird, der nach Regeln abläuft, die der Künstler im voraus festgelegt hat.
Seit 1994 verwendet Hauri fünf Bildformate (50 x 45 cm, 70 x 63 cm, 110 x 100 cm, 130 x 117 cm, 160 x 144 cm, unter Einhaltung des Formatverhältnisses 10:9) und malt in Prima-Malerei. Jedes Gemälde entsteht nun in einem einzigen Arbeitsgang. Es gibt keine Übermalungen auf diesen Arbeiten und keine Möglichkeit der Korrektur. Hauri vergleicht die Prima-Malerei mit einem Würfelspiel: Obschon er über ein profundes technisches Wissen und eine grosse Erfahrung in der Malerei verfüge, könne er nicht voraussagen, ob ein Bild gelinge. Das einzelne Bild könne nicht hergestellt, sondern nur gefunden werden. Die technische und mentale Vorbereitung des Malens hat heute für Valentin Hauri ein viel grösseres Gewicht als in seinem Werk der achtziger und frühen neunziger Jahre. Zur technischen Vorbereitung zählt insbesondere die Grundierung des Untergrundes. Hauri verwendet Baumwolle und malt ausschliesslich auf einen mehrfach geschliffenen, wenig saugenden Malgrund. Im Unterschied zur schichtweisen Malerei der Impastotechnik ist die Prima-Malerei eine in der Malereigeschichte erst spät, im 19. Jahrhundert anerkannte Technik, die selten verwendet wird.
Als junger Maler realisiert Hauri mit anderen Künstlern zusammen eine Wandzeichnung des amerikanischen Konzeptkünstlers Sol LeWitt. Mir fällt der 6. Satz aus dessen für die theoretische Begründung der Konzeptkunst wichtigen „Sentences on Conceptual Art“ (1969) ein, wenn ich mir Hauris heutiges Bildfindungsverfahren vorstelle. Der Satz lautet: „Wenn der Künstler während der Ausführung einer Arbeit seine Meinung ändert, kompromittiert er das Ergebnis und wiederholt frühere Ergebnisse.“ Satz 5 lautet: „Irrationale Gedanken sollten streng und logisch verfolgt werden“. Valentin Hauri ist damals, als er die Zeichnung Sol LeWitts ausführt, wie heute kein Konzeptkünstler, doch hat er inzwischen sein Werk geöffnet und bestimmte Einsichten, die der Conceptual Art zu verdanken sind, in seine Kunst einfliessen lassen. Einsichten, die die Begründung und den Verlauf des bildnerischen Prozesses betreffen, und dem Bild zu einem höheren Grad an Autonomie verhelfen. Konzeption und Erscheinung haben heute in seiner Malerei denselben Stellenwert.
Reproduktionen von Gemälden anderer Künstler bilden den Anlass für viele seiner in den vergangenen Jahren gemalten Bilder. Hauri erwähnt im Gespräch u. a. Forrest Bess, Else Blankenhorn und Henry Darger. Es sind oft Werke von Autodidakten, die ihn faszinieren. Ihn interessiert an diesen Arbeiten, dass sie von einer künstlerischen, gesellschaftlichen und persönlichen Vision und nicht einem akademischen Kunstwollen geleitet sind. Der französische Maler Jean Dubuffet hat diesbezüglich bekanntlich 1949 von einer "rohen" Kunst gesprochen: „Die wirkliche Kunst ist immer dort, wo man sie nicht erwartet! Wo niemand an sie denkt noch ihren Namen nennt.“ Nicht die malerische Kultur, die richtige Behandlung der Malmittel steht in dieser Kunst im Zentrum, sondern die Bildfindung, deren Eigenart Valentin Hauri emotional berührt und künstlerisch anregt. Abbildungen dieser Werke legt sich der Künstler beim Malen vor. Die aus dieser Auseinandersetzung entstandenen Gemälde sind keine Übersetzungen dieser Bilder, sondern Versuche, in einen Dialog zu treten. Sie tragen als Hinweis auf die Bildquelle meistens denselben Titel wie die als Vorlage verwendete Arbeit. Ihn interessiert und stimuliert die Unvergleichbarkeit der Bildstruktur dieser Gemälde und die mangelnde Perfektion der Malerei. Im Unterschied zu Dubuffet, der sich die Bilder und die Techniken der von ihm gesammelten sog. "Art Brut" aneignet, überführt Hauri deren Bildimpulse in die eigene Malkultur. Er versucht nicht, mit seiner Kunst den Bildbegriff zu erweitern, sondern eine singuläre authentische Bildfindung, die ihn persönlich betrifft, der kulturellen Kunst zu assimilieren. Seine neuen Gemälde haben die Qualität von Gedanken und sind doch Malerei. Sie sind leicht, weich, klar, konzentriert und lebendig. Es gibt keine feste Körperlichkeit in diesen Bildern. Die malerischen Mittel sind äusserst kontrolliert und doch sucht Valentin Hauris Malerei das Gelingen und die Absichtslosigkeit. Es sind Bilder, die sich einstellen wie Erinnerungen, unfassbar.
Roman Kurzmeyer, Juni 2005
Der Autor ist Kurator und Kunstwissenschafter in Basel.
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