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'Wasserfallfinsternis', 2004 Oel auf Leinwand 117 x 130 cm |
Magische Orte
'Wasserfallfinsternis' - ein Wort wie Donnerhall, aber viel, viel stiller, ein Wort wie symphonisch rauschende Wagnerklänge, jedoch gläsern und zerbrechlich. Aber was ist das überhaupt, eine Wasserfallfinsternis? Ein Wasserfall bei Nacht, eine freie, lyrische Wortschöpfung oder eine rätselhafte Falle, die der Künstler uns stellt?
Betrachten wir das Bild, sehen wir weder Wasserfall noch Finsternis, im Gegenteil, mehr Helligkeit geht fast nicht, dann wäre bald nichts mehr übrig von der sparsam angelegten Farbsubstanz. Also keine Finsternis, soviel steht fest. Ein Wasserfall? So klar und deutlich jedenfalls nicht, aber wir können uns vorstellen, die vertikalen Farbbildungen öffneten in ihrer Mitte dem Wasser die Möglichkeit, zu stürzen. Das viele Helle des Bildes ist wie ein Licht, das gewissermassen von hinten nach vorn aus dem Bild zu treten scheint. Diese Helligkeit verhält sich nicht wie Helligkeit, sondern im Gegenteil wie Finsternis. Sie beleuchtet nicht aus räumlicher Distanz das Bildgeschehen, wirft Schatten und entwickelt Räumlichkeit, sondern sitzt sozusagen im Bild. Diffus und gleichmässig, ohne dass wir eine Lichtquelle ergründen könnten. Schon möglich, dass die pastellenen Farbbildungen links und rechts an Felsen erinnern, die wenigen, verblichenen Reste eines scheuen Blaus im Vordergrund an ruhendes Wasser, welches das gerade gefallene wieder einsammelt, ordnet und weiter talab schickt.
Valentin Hauri deutet mit seinem wunderbaren Bildtitel auf ein Paradox: Statt wie erwartet finster, ist das Bild ausgesprochen hell und leichtend. Der Begriff des Wasserfalls verweist indes auf ein interessantes Wahrnehmungsverhalten, das unser Sehen derart prägt, dass wir uns dessen im Allgemeinen nicht bewusst sind. Wir versucen reflexartig, aus dem Unbekannten etwas uns Bekanntes zu erschliessen. Sehen wir ein Bild, das wir nicht kennen, und lesen wir im Titel dazu noch Wasserfall, dann ist es bereits geschehen. Wir sehen einen Wasserfall, obwohl in Wirklichkeit gar kein Wasserfall vorhanden ist. Wir glauben, etwas zu erkennen, das tatsächlich so gar nicht existiert.
Valentin Hauri lenkt mit seiner Wasserfallfinsternis unsere Aufmerksamkeit auf eine zentrale Frage der Malerei: Was ist ein Bild in der Lage zu zeigen und was nicht? Ist es die Wirklichkeit, ist es eine Vorstellung, die wir uns von der Wirklichkeit machen, oder ist das Ganze eine angenehme Irreführung, wobei es uns am Schluss egal ist, was richtig ist und was falsch, weil wir dem Zauber der Helligkeit, der Zerbrechlichkeit pastellener Farbe und ohnehin bereits von Anfang an dem Zauber des Begriffs Wasserfallfinsternis erlegen sind?
Ist am Ende jenes Bild grosse Kunst, das die Dinge gar nicht zeigt, sondern verbirgt, dieses Verbergen jedoch auf eine Art und Weise visualisiert, dass wir im Laufe der Wahrnehmung mehr von der Wirklichkeit erfahren, als wir eigentlich Fragen an sie mitgenommen haben?
Markus Stegmann
Aus dem Katalog zu Ausstellung 'Schweiz ohne Schweiz - Alpenlose Landschaften',
Museum zu Allerheiligen, Schaffhausen, 2010
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