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«Shut your eyes and see» (James Joyce)1
Bereits vor mehr als zehn Jahren hat Valentin Hauri die Rahmenbedingungen seiner Malerei abgesteckt und sich ein seitdem gültiges Produktionssetting geschaffen: einerseits die Beschränkung auf fünf Formate mit jeweils gleich bleibenden Seitenverhältnissen (Verhältnis 10:9), andererseits die Wahl der Maltechnik, und zwar die alla prima-Malerei. Anhand der jüngst entstandenen Werke lässt sich im Vergleich zu Arbeiten aus früheren Jahren eine Intensivierung beobachten, die Farben werden pastoser aufgetragen, die Malschicht scheint mehr «Gewicht» zu besitzen. Auch die «Rahmenstrukturen», die in vielen Gemälden die Kanten flankieren und das Bild im Bild gleichsam doppelt fixieren und begrenzen, erfahren eine stärkere Präsenz und entwickeln sich zu teils markanten, allseitigen Einfassungen.
Den auf den ersten Blick leicht und fast schwebend wirkenden Gemälden liegt ein konzeptuell ausgerichteter Arbeitprozess zu Grunde, in dem das Malen, das Setzen der Farbe auf den Träger nur einen Schritt unter vielen darstellt. Der eigentliche Ausgangspunkt der Bilder liegt in konkreten Bildideen begründet, für die Valentin Hauri häufig Inspiration in den Werken anderer KünstlerInnen findet – meist Protagonisten des autodidaktischen, eher unakademischen Lagers. Deren «Vorbildfunktion» liegt in den jeweiligen Lebensentwürfen, der Verquickung von künstlerischer Position und persönlicher Haltung begründet, wodurch die Bilder von Valentin Hauri den Charakter einer Hommage erhalten. Den konkreten Malanlass wiederum bilden Details eines Werks, fast unbeachtete Stellen im Hintergrund oder beiläufig gestreifte Ausschnitte. So stellt der leere, weisse Bildträger gleichsam eine ges(ch)ichtslose Fläche dar, der der Künstler mit einem Bild im Kopf, einer klaren Vorstellung, die vor dem eigentlichen Malprozess bereits vorhanden ist, begegnet. So zeigen die Arbeiten von Valentin Hauri immer einen bestimmten «künstlerischer» Augenblick, der im Entstehungsprozess des «Bildes» als solcher zumindest schon gedacht ist und dessen Erscheinung, dessen malerische Präsenz sich immer einer gewissen Kontrolle durch den Künstler entzieht.
Den maltechnischen point de départ markiert die Präparation des Bildgrundes, das mehrfache Grundieren und Abschleifen. Auf diesen wenig saugenden Malgrund setzt Valentin Hauri die Farben alla prima, direkt nebeneinander, ohne Schichtungen, in einem raschen, durchgehenden Arbeitsgang. Klar abgegrenzte Formen treffen auf subtil angelegte Farbflächen, sie begrenzen einander, stossen einander ab. An manchen Stellen liegt der Bildgrund frei. Kontrastierende Elemente, vereinzelte Markierungen, zu einer komplexen Bildkomposition gefügt. Bei näherer Betrachtung lassen sich technischer Prozess und konzeptuelle Herangehensweise unmittelbar aus den Bildern ablesen. Frei gesetzte Farbflächen, die meist aus der Summe von Pinselstrichen in einem Farbton resultieren, alternieren im Malverlauf mit dem Einsatz von Schablonen oder dem Abkleben bestimmter Stellen. Neben der gesetzten Form konkretisieren sich anhand der von den Klebstreifen temporär ausgesparten Reste, gewissermassen aus der Negativform, weitere Elemente auf dem Bildgrund. Ebenso wie die partiell freigelassene Grundierung agieren sie als eigenständige Komponenten der Bildkomposition, denen auch die Werkspuren, die sich als Farbschleier, Flecken oder Abdrücke artikulieren, zuzurechnen sind. Die an den Bildkanten gesetzten Formen wirken häufig angeschnitten und unterstreichen so den offenen Charakter der ausschnitthaft wirkenden Bildstruktur, sie weisen zwar über die Bildgrenzen hinaus, sind aber kompositionell fest im Bildgeviert verankert. Die Abdeckung der Kanten wiederum, die ins Bildfeld hineinreicht, hinterlässt schmale, präzise Streifen; es sind diese hellen Partien der Grundierung, aus denen unter anderem der «schwimmende» Eindruck der Malschicht und die verhaltene Körperlichkeit der Bilder resultiert.
Die Federzeichnungen, an denen Valentin Hauri in regelmässigen Abständen arbeitet, führen den konzeptuellen Ansatz, der den Gemälden zu Grunde liegt, weiter. Auch hier entwirft der Künstler mit der «Reduktion» auf ein normiertes Bildfeld – leicht getönte Papiere im Format A4 – sowie auf eine Zeichentechnik – schwarze Tusche in Feder – ein klar definiertes, reglementierendes Setting. Doch dienen in diesem Fall die eigenen Gemälde als Referenz, als Anstoss, als «Motivquelle». Der streng lineare Duktus der Zeichnungen, das klare Hell-Dunkel von Auftrag und Untergrund lenkt die Aufmerksamkeit auf die formalen Elemente der Bildkomposition. Freie, ausschwingende Striche und dezidiert gezogene Linien, die als Ein- respektive Ausgrenzung von Flächen fungieren, werden von punktuellen Ballungen oder losen Strichlagen begleitet. Entfernt erinnern diese Zeichnungen von Valentin Hauri an Notate, an im Moment fixierte Gedanken, und lassen letztlich hinter dem Medienwechsel ein gedankliches Experiment vermuten: eine weitere Überprüfung der Arbeitsweise, des grundlegenden Konzepts.
Irene Müller, Zürich, 2008
1 James Joyce: Ulysses. Paris 1922. Zitiert nach: The Project Gutenberg EBook of Ulysses, by James Joyce, EBook #4300 (http://www.gutenberg.org/etext/4300).
2 Valentin Hauri im Gespräch mit der Autorin, 11. August 2008.
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